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Die Sicht des CIO

Die Ausnahmestellung der USA: Kann die weltgrößte Volkswirtschaft Anlegern auch in Zukunft etwas bieten?

  • 29 April 2024 (5 Minuten Lesezeit)
Im Überblick
In den letzten Jahren waren die US-Wirtschaft sowie amerikanische Aktien und Anleihen außerordentlich erfolgreich.
Strukturelle Faktoren wie die gute Demografie und die kontinuierliche Digitalisierung förderten das Wachstum.
Auch staatliche Anreize für Investitionen in die Energiewende können für Anlagechancen sorgen.

In den letzten Jahren war die US-Wirtschaft in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Oft betrachtet man die Aktienmarktperformance in den Amtszeiten der einzelnen Präsidenten, und seit Joe Bidens Amtsantritt ist alles bestens.

Nach den jüngsten Zahlen ist die US-Wirtschaft von Ende 2020 bis Ende 2023 real um über 9% gewachsen.1  Trotz der massiven Straffung der Geldpolitik ist eine Rezession ausgeblieben. Wenn die amerikanischen Wähler im November ihre Stimme abgeben, dauert die derzeitige Expansion, die nach Corona begonnen hat, schon 17 Quartale. Nur Anfang 2022 gab es eine kleinere Delle.

Nominal ist das US-BIP in diesen drei Jahren um 27% gewachsen, also um fast ein Drittel. Die gute US-Aktienmarktperformance überrascht daher nicht. Laut Bloomberg hat man mit dem S&P 500 (einschließlich Dividenden) in dieser Zeit 31% verdient – und das trotz der starken Korrektur im Jahr 2022, als die Zinserhöhungen begannen.2

Allein 2023 legte der Index um 26% zu. Das ist wirklich außergewöhnlich. Aber können wir damit rechnen, dass die USA beim Wirtschaftswachstum und den Aktienmarkterträgen auch in Zukunft vorn liegen?

Als Joe Biden sein Amt antrat, ging die Pandemie allmählich zu Ende. Der Neustart der Wirtschaft sorgte für Auftrieb, ähnlich wie die Erholung in vielen anderen Industrieländern. Doch anders als andere Länder beschränkten sich die USA nicht auf Konjunkturprogramme. Hinzu kamen strukturelle Entwicklungen und politische Maßnahmen, die das amerikanische Potenzialwachstum vielleicht steigen ließen. Die Bedeutung der Fiskalpolitik ist bekannt, sowohl zur Stärkung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage während und nach Corona als auch für den Ausbau der Infrastruktur. Der Preis mag eine höhere Kreditaufnahme sein, doch ohne eine expansive Fiskalpolitik wäre die US-Wirtschaft nicht so stark gewachsen.

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Demografie nach Corona

Ein oft unterschätzter struktureller Faktor ist die Demografie. Laut Congressional Budget Office (CBO) ist die US-Bevölkerung in den letzten Jahren stark gestiegen.3  Für 2023 wird das Bevölkerungswachstum auf etwas über 0,9% geschätzt. Für dieses Jahr werden 1,2% erwartet, für 2025 wieder 0,9%. Man geht davon aus, dass die US-Bevölkerung von 2024 bis 2054 von 342 auf 383 Millionen wächst.

Das wäre ein durchschnittlicher Anstieg um voraussichtlich 0,6% p.a. in den nächsten zehn Jahren. Während der Pandemie fiel die Geburtenrate, hat sich danach aber wieder erholt. Den größten Bei­trag zum Bevölkerungswachstum leistete aber zweifellos die Einwanderung. Dadurch ist auch die Erwerbstätigenzahl ordentlich gewachsen, und genau davon geht das CBO in seinen Projektionen aus. Auch das ist anders als in anderen Industrieländern, wo entweder die Bevölkerung nicht so stark wächst oder, wie etwa in China, der Anteil der Rentner zunimmt und die Menschen immer älter werden. In den USA sorgt hingegen die Einwanderung nicht nur für ein wachsendes Arbeitskräfteangebot, weil es mehr Erwerbstätige gibt, sondern auch für eine wachsende Arbeitskräftenachfrage, weil die Einwanderer Häuser bauen und Familien gründen.

Wie in anderen Ländern ist die Einwanderung in den USA ein politisch sensibles Thema. Nach den Wahlen im November könnte erneut versucht werden, sie zu begrenzen, aber die Richtung steht fest. Die USA profitieren von der wachsenden Erwerbsbevölkerung infolge der Einwanderung, zumal die Partizipationsquote noch immer niedriger ist als vor Corona – oft war zu hören, dass Menschen während der Pandemie ihre Arbeit aufgaben.

Seit Ende 2020 wurden mehr als 15,6 Millionen neue Stellen außerhalb der Landwirtschaft geschaffen, mit einem jährlichen Wachstum von 3,2%. Durch die höhere Erwerbspersonenzahl gelang das, ohne dass die Arbeitslosenquote unter das Vor-Corona-Tief fiel. Aufgrund des Inflationsschocks 2022 legten die Löhne zwar stärker zu, doch nach den jüngsten Daten sind die Gesamtvergütungen jährlich nur um etwa 5,5% gestiegen. Das liegt nur wenig über dem Langfristdurchschnitt.

Günstig ist auch die Demografie. Das im Vergleich zu allen anderen großen Volkswirtschaften stärkere Wachstum der Erwerbspersonenzahl ermöglichte ein hohes Wirtschaftswachstum und sorgte dafür, dass die USA extrem wettbewerbsfähig bleiben. Der starke Arbeitsmarkt war auch gut für den Konsum, der seit 2020 im Schnitt um real 3,7% p.a. gestiegen ist – und davon profitieren wiederum die Unternehmensgewinne.

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Schnellere Digitalisierung

Das Bevölkerungswachstum ist also wichtig für das Wirtschaftswachstum, ebenso aber auch der Produktivitätsanstieg. Hier dürften neue Technologien eine wichtige Rolle gespielt haben. Viele Innovationen haben ihren Ursprung in den USA, wo große Technologieführer ihren Sitz haben. Auch die fortschreitende Digitalisierung von Dienstleistungen und neue Technologien auf Basis Künstlicher Intelligenz sind wichtig, und US-Unternehmen sind hier führend. Die wirtschaftliche Bedeutung neuer Technologien lässt sich daran ablesen, wie viel Unternehmen in sie investieren.

Nach Angaben des Bureau of Economic Analysis (BEA) sind die Investitionen in geistige Eigentumsrechte (einschließlich Software) von 2020 bis Ende 2023 um 24,7% gestiegen. Das BEA schätzt, dass der Informationstechnologiesektor 2021 um 14,7% gewachsen ist, 2022 um 7,5% und 2023 um 6,2%. Damit betrug der Anteil am BIP-Wachstum von 2,5% 33 Basispunkte.4

Nachdem die Produktivität 2022 geschrumpft ist, weil das BIP aufgrund der strafferen Geldpolitik weniger stark wuchs, hat sie letztes Jahr wieder stärker zugelegt. Für das 3. und 4. Quartal 2023 geht das BEA von einem Anstieg der Arbeitsproduktivität von 2,3% z.Vj. bzw. 2,6% z.Vj. aus – es gab mehr Arbeiter, und sie waren produktiver.

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Politischer Rückhalt

Für Wachstum sorgte aber noch mehr – unter anderem die vielen neuen Gesetze der Biden-Administration, vor allem das parteiübergreifend beschlossene Infrastrukturgesetz, der Inflation Reduction Act und der CHIPS and Science Act. Sie dürften die Wirtschaft dauerhaft stärken, da langfristige Projekte finanziert werden. Dazu zählen der Ausbau erneuerbarer Energien sowie Investitionen in Straßen, Schienen- und Digitalnetz. Bis September waren Investitionen in über 450 neue oder erweiterte Projekte im Zusammenhang mit sauberen Energien angekündigt, mit einem Gesamtvolumen von über 160 Milliarden US-Dollar.5  Mittlerweile entfallen 25% der gesamten Elektrizitätserzeugung in den USA auf erneuerbare Energien.6

Die wachsende Erwerbspersonenzahl, die neuen Technologien und das auch von der Politik geförderte Produktivitätswachstum machten die Wirtschaft flexibel, was für Investoren nur gut sein konnte. Aktieninvestoren profitierten von der hohen Unternehmensrentabilität. Die Unternehmensgewinne stiegen zuletzt zwar langsamer, aber der Anteil der Gewinne am BIP liegt seit dem Ende der Pandemie über 12%.7  Sektoren wie Informationstechnologie und Gesundheit bieten Anlegern die Aussicht auf langfristiges Gewinnwachstum, wie es andere Länder nicht kennen. Wir glauben, dass der US-Aktienmarkt für Anleger, die Wert auf Nachhaltigkeit und Impact legen, viele interessante Unternehmen bereithält, deren Technologien und Dienstleistungen zur Eindämmung von Klimawandel und Artensterben beitragen.

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Diversifizierte Rendite

Anleiheninvestoren finden am amerikanischen Unternehmensanleihenmarkt eine Liquidität, Markttiefe und Diversifikation wie in keinem anderen Land. Die soliden Unternehmensfinanzen haben sowohl bei Investmentgrade-Titeln als auch bei High Yield für eine gute Kreditqualität gesorgt. Die Spreads amerikanischer Unternehmensanleihen sind seit 2022 gefallen, und nach den High-Yield-Spreads steigen die Ausfallquoten noch nicht einmal auf ihren Langfristdurchschnitt. Das zeigt, wie gut die Kreditnehmer dastehen. Ihre Fundamentaldaten sind gut, und sie profitieren sehr von der stabilen Wirtschaftslage.

Können wir also damit rechnen, dass es bei der amerikanischen Ausnahmestellung bleibt? Die Risiken sind nicht zu übersehen. Dazu zählt, dass die US-Regierung vielleicht nicht mehr wie bisher Kredite aufnehmen kann und der Schuldendienst immer teurer wird. Die Weltlage ist unsicher, und der Handelskrieg mit China könnte leicht eskalieren. In den USA selbst könnten Unruhen – wie beim Regierungswechsel nach den Präsidentschaftswahlen 2020 – das Wachstum bremsen. Und vielleicht hindert die Inflation die Fed daran, die Zinsen so schnell zu senken, wie die Anleger hoffen.

Die demografische Entwicklung wirkt sich aber langfristig aus, ebenso wie der technische Fortschritt. Auch wenn bisweilen Kritik am nachhaltigen Investieren laut wird, ist die Dekarbonisierung der USA nicht mehr aufzuhalten. All das kann für Investoren nur gut sein. Wachstumsaktien, Unternehmensanleihen und ertragsstarke – börsennotierte wie nicht börsennotierte – Hebelprodukte dürften weiterhin Erträge ermöglichen. Denn an der Stärke des amerikanischen Unternehmenssektors gibt es keinen Zweifel.

Die USA haben andere Länder hinter sich gelassen. Es ist schwer vorstellbar, dass sich das ändert. Sehen Sie sich doch nur einmal den Außenwert des US-Dollar an. Gegenüber anderen wichtigen Wäh­rungen notiert er fast auf einem 20-Jahres-Hoch. Die USA sind besonders – und der Dollar ist König.

Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Hinweis auf künftige Erträge.

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