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Warum Halbleiter ein politisches Thema geworden sind, und was das für Investoren bedeutet

  • 21 November 2022 (7 Minuten Lesezeit)

Im Überblick

  • Halbleiter gelten als das „neue Öl“, weil sie weltweit von enormer Bedeutung sind und als politisches Instrument eingesetzt werden können.
  • Nach einer Schätzung könnte der Chipsektor bis Ende dieses Jahrzehnts 1 Billion US-Dollar Umsatz erzielen. Strukturelle Nachfragefaktoren sorgen für Wachstum.
  • Die Weltpolitik bleibt fragil, aber wir sind noch immer überzeugt, dass der Sektor weiterhin von grundlegenden technologischen Veränderungen, politischen Maßnahmen und einer steigenden Verbrauchernachfrage profitieren wird.

Halbleiter, häufig als das „neue Öl“ bezeichnet, spielen in unserem Alltag eine sehr wichtige Rolle – in Smartphones, Kühlschränken, in der Robotik und in hochmodernen Industrieanlagen.

Auch für Technologien zur Bekämpfung des Klimawandels, beispielsweise in Elektrofahrzeugen und für erneuerbare Energien, sind sie von großer Bedeutung. Und für Länder, die Halbleiter entwickeln und herstellen, sind sie eindeutig aus wirtschaftlicher Sicht wichtig.

Aber es gibt weltpolitische Hürden. Das zeigen die kürzlich erfolgten Einschränkungen von Exporten hoch entwickelter Halbleiter und moderner Fertigungsanlagen aus den USA nach China.1

2021 hat der weltweite Halbleitersektor 600 Milliarden US-Dollar Umsatz erzielt. Nach einer Analyse von McKinsey wird er bis 2030 jährlich um 6% bis 8% steigen und zum Ende dieses Jahrzehnts womöglich bei 1 Billion US-Dollar liegen.2

Wie wichtig Halbleiter sind, haben die Lieferengpässe der letzten Jahre gezeigt. Ursprünglich war die COVID-19-Pandemie dafür verantwortlich, die neben Einschränkungen für Einkäufe und Reisen Fabrikschließungen mit sich brachte. Weitere Gründe waren Winterstürme in Texas und Blockaden im Suezkanal 2021.3

Nach einer Schätzung sind durch diese Engpässe Branchen, die Chips benötigen, weltweit mehr als 500 Milliarden US-Dollar Umsatz entgangen. Allein 2021 entfielen davon über 210 Milliarden US-Dollar auf die Automobilindustrie.4

Zurzeit werden die meisten Chips in den USA entwickelt, aber dennoch beträgt der Anteil an der weltweiten Halbleiterproduktion nur 12%.5 Drei Viertel aller Chips weltweit werden in Ostasien hergestellt. TSMC aus Taiwan und Samsung aus Südkorea zählen zu den größten Akteuren. Sie haben sich auf besonders hoch entwickelte Chips spezialisiert.6  7  China will seine Kapazitäten zur Produktion von Halbleitern in den nächsten zehn Jahren erheblich ausweiten, aber die Beschaffung der für die Chipherstellung notwendigen Bauteile könnte durch die Exportbeschränkungen der USA schwieriger werden.

Ein komplexes Ökosystem

Verdient haben sich Halbleiter den Titel „neues Öl“ mit ihrer strategischen Bedeutung als unverzichtbare Ressource und damit, dass sie weltweit in nur wenigen Ländern entwickelt und produziert werden.

Aber sie bilden ein komplexes Ökosystem – von der Software über die Produktion von Wafern, die als Basis für die Chips benötigt werden, und anderen Komponenten bis zur Fabrik („Fab“), die man braucht, um die eigentlichen Chips herzustellen.

Die Länder bemühen sich immer stärker um Partnerschaften, um wichtige Akteure aus diesem Bereich zusammenzubringen. Beispielsweise haben die USA eine „Chip 4“-Allianz mit Südkorea, Japan und Taiwan vorgeschlagen.8  9 Die Zusammenarbeit von Ländern mit vergleichbaren Wettbewerbsvorteilen kann Lieferketten stabilisieren, aber zweifellos spielen auch politische Allianzen eine Rolle.

Da sich die politischen Spannungen verschärft haben, wollen die Länder nicht nur ihre Lieferketten gegen mögliche Logistikprobleme, sondern auch ihre nationalen Interessen schützen. Beispielsweise könnten militärische Auseinandersetzungen zwischen China und Taiwan einen Teil der globalen Chip-Lieferkette blockieren.

 

Eine strategische und weltpolitische Priorität

In den letzten Jahren haben unter anderem die USA, die Europäische Union, China, Südkorea und Japan angekündigt, ihre Halbleitersektoren ausweiten zu wollen, weil Regionen und Länder bemüht sind, ihren Anteil am globalen Halbleitersektor zu vergrößern.

Der European Chips Act von 2022 soll „Halbleiterknappheiten entgegenwirken und die technologische Führung Europas ausbauen“ – mit über 43 Milliarden Euro an staatlichen und privaten Investitionen.10 Chinas Initiative „Made in China 2025“ räumt der Chipherstellung Priorität ein, und Indien genehmigte 2021 einen Anreizplan mit 10 Milliarden US-Dollar Volumen, damit sich Halbleiterhersteller dort niederlassen.11

Aber die Politik beschränkt sich nicht auf Anreize für Unternehmen und die Weiterbildung von Arbeitern, sondern trifft jetzt härtere Maßnahmen.

Im August setzte US-Präsident Joe Biden das Gesetz „Creating Helpful Incentives to Produce Semiconductors“, kurz CHIPS, in Kraft. CHIPS und der Science Act 2022 stellen 52,7 Milliarden US-Dollar zur Beschleunigung der Forschung und der Produktion von Halbleitern in den USA zur Verfügung. Ziel ist, „Produktion, Lieferketten und nationale Sicherheit der USA zu stärken“ und den USA zu helfen, „am Wettbewerb teilzuhaben und ihn am Ende zu gewinnen“.12 Die finanzielle Unterstützung wird aber nur unter der Bedingung gewährt, dass „die Empfänger bestimmte Fertigungsstätten nicht in China und anderen bedenklichen Ländern bauen“.

Im Oktober folgte dann eine Flut an Exportbeschränkungen für hoch entwickelte Halbleiter und Teile, die für die Halbleiterproduktion benötigt werden. Sie zwangen Unternehmen dazu, für den Export bestimmter Teile nach China neue Lizenzen zu beantragen, unter anderem auch für solche, die für Supercomputer benötigt werden. Diese Maßnahmen könnten der chinesischen Chipbranche einen erheblichen Schlag versetzen.13

Dies wiederum hat Folgen für den weltweiten Halbleitersektor und für Investoren, die hier engagiert sind.

 

Kurzfristige Unsicherheiten, aber langfristige Gewinne?

Wir gehen davon aus, dass die Umsätze einiger US-Unternehmen sinken werden, aber mit dem Problem haben sie nicht erst seit gestern zu kämpfen. Schon vor der Pandemie war der Handelskrieg zwischen den USA und China durch Restriktionen gekennzeichnet, darunter das Verbot für das chinesische Telekommunikationsunternehmen Huawei, Chips zu kaufen, die mit US-Technologie hergestellt werden.14

Langfristig könnten die von den USA verhängten Restriktionen China daran hindern, innovative Halbleitertechnologien zu entwickeln. Dadurch könnte sich die Wettbewerbssituation für Halbleiterunternehmen außerhalb Chinas verbessern, beispielsweise aus den USA und Europa. Auch andere staatliche Fördermaßnahmen wie das europäische Chip-Programm könnten der Branche zugutekommen.

Insgesamt erwarten wir stabile Wachstumsaussichten für den Halbleitersektor. Dafür sprechen strukturelle Wachstumstreiber in den Branchen, in denen sie genutzt werden – von Robotik über Fabrikautomation bis zu Elektrofahrzeugen.

Beispielsweise steckten 2021 in jedem Fahrzeug mit Verbrennungsmotor Halbleiter für 500 US-Dollar. In Elektrofahrzeugen wurden Halbleiter für etwa 1.000 US-Dollar verbaut. Diese Zahl könnte bis 2027 auf 1.500 US-Dollar steigen.15

Weil die Verbreitung von Elektrofahrzeugen zunimmt, dürfte der gesamte Halbleiterumsatz in der Automobilindustrie steigen. Mitte 2022 hatten Elektrofahrzeuge 12,4% Anteil am weltweiten Automobilmarkt. Bis 2027 dürften es etwa 30% sein.16

Kürzlich sind die Umsätze mit Halbleitern, die in der Unterhaltungselektronik genutzt werden, beispielsweise für Smartphones und PCs, etwas zurückgegangen. Das lag an der hohen Inflation und am unsicheren gesamtwirtschaftlichen Umfeld.

Die Nachfrage nach Chips für Automobilindustrie, Industrie und Datenzentren ist offenbar stabil. Dennoch sind die Kurse von Halbleiterunternehmen gefallen, weil man eine insgesamt schwächere Konjunktur erwartet.

Dadurch scheinen die Bewertungen einiger Halbleiteraktien jetzt attraktiver zu sein. Das Konjunkturumfeld ist zwar schwierig, was vor allem an der Inflation liegt, aber wir gehen davon aus, dass Unternehmen aus diesem Bereich den größeren Teil der höheren Kosten an ihre Kunden weitergeben können.

Die anhaltenden technologischen Veränderungen mit Auswirkungen auf den Halbleitermarkt, beispielsweise die Nachfrage durch Elektrofahrzeuge und Datenzentren und die Weiterentwicklung der Konnektivität etwa durch 5G, dürften dem Wachstum dieses wichtigen Marktes Auftrieb geben.

Angesichts der immer stärkeren Verknüpfung von Politik und Technologie sollten aktive Investoren die weltpolitischen Entwicklungen genau im Auge behalten. Wir sind aber der Ansicht, dass grundsätzlich eher die Nachfrage – befördert von der anhaltenden Digitalisierung der Weltwirtschaft – als die Politik die Zukunft des Halbleitersektors bestimmen und für Wachstum sorgen wird.

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