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Die Sicht des CIO

Was bedeutet Russlands Invasion der Ukraine für die Finanzmärkte?

  • 04 März 2022 (7 Minuten Lesezeit)

Die Unsicherheit darüber, was in der Ukraine passiert und welche Kollateralschäden die Weltwirtschaft letztlich davontragen wird, hält an. Wahrscheinlich ist, dass sich das Wachstum abschwächen und die Inflation weiter steigen wird. Hinzu kommt, dass die Perspektive der Geldpolitik nicht mehr so eindeutig ist, und dass sich die langfristigen Aussichten hinsichtlich der Wertpapierkosten möglicherweise ändern werden. Selbst wenn man handeln möchte, ist die Liquidität gering. Der US-Dollar und die US-Anlagen mit der größten Liquidität profitieren also und werden dies auch weiterhin tun, bis der Konflikt einen anderen Verlauf nimmt.

Sanktionen gegen Russland

Der Westen hat auf die russische Invasion mit einer Reihe von Sanktionen reagiert. So wurde Russland weitgehend vom internationalen Finanzsystem abgeschnitten. Durch das Einfrieren von Vermögenswerten und Transaktionen ist es für Russland sehr schwierig, sich in Fremdwährung zu finanzieren. Es ist wahrscheinlich nicht übertrieben zu behaupten, dass die russische Wirtschaft kollabiert.

Steigende Militärausgaben

In einem historischen Sinneswandel hat Deutschland angekündigt, seine Verteidigungsausgaben drastisch zu erhöhen. Andere Nationen in Europa werden wahrscheinlich dasselbe tun, um sich vor einem weiteren Expansionskurs Russlands zu schützen. Das bedeutet aus Investorensicht: Die Ausgaben für militärische Ausrüstung, logistische Systeme, Munition und Technologie werden steigen. Davon werden die Sektoren Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung, Transport und Technologie profitieren. Dies wirft aus ESG-Sicht jedoch Fragen auf. In der modernen Kriegsführung geht es nicht nur um Panzer und Raketen – auch wenn der aktuelle Konflikt uns daran erinnert, dass sie immer noch im Mittelpunkt territorialer Ambitionen stehen – , sondern auch um Technologie und ihre Anwendung in der Cyber-Kriegsführung. Die Identifizierung von Vermögenswerten, die zu diesen Aktivitäten beitragen, ist möglicherweise nicht so einfach. 

Höhere Kreditaufnahme könnte drohen

Die Frage, was höhere Militärausgaben für die Staatsausgaben und -defizite bedeuten, ist für Anleger ebenfalls relevant. Handelt es sich um eine mehrjährige Erhöhung der Ausgaben, damit die westlichen Länder über eine ausreichende militärische Verteidigungsfähigkeit verfügen? Zusätzliche Verteidigungsausgaben in Höhe von ein bis zwei Prozent des BIP oder sogar mehr sind nicht unerheblich. Sie könnten den Kreditbedarf des Staates erhöhen und künftig zu höheren Zinssätzen führen.

Die Energiewende nicht aufschieben

Um eine größere Energiesicherheit zu erreichen, sind auch verstärkte Investitionen in Alternativen zu russischem Gas und Öl erforderlich. Das erfordert natürlich höhere Investitionen in erneuerbare Energien, könnte aber auch bedeuten, dass mehr in Kernenergie und Anlagen für den Import von Energiequellen wie Flüssiggas aus anderen Teilen der Welt (insbesondere dem Nahen Osten) investiert wird. Nichts von alledem kann schnell geschehen, daher die enorme Risikoprämie auf den heutigen Energiepreisen. Dies trägt zu einer höheren Inflation bei und könnte eine dauerhaft höhere Inflationsrisikoprämie in den Zinssätzen bedeuten. Die Energiewende wird vermutlich zu niedrigeren Energiepreisen führen (was gut für das Wachstum ist) und zu mehr Energiesicherheit. Die Unterbrechung der Energiewende durch den Krieg und die Notwendigkeit, kurzfristig höhere Preise zu bekämpfen, verzögert diese Entwicklung.

Reale Renditen sinken wieder

Die Realrenditen sind seit Beginn des Krieges gesunken und die Märkte wurden geringfügig mehr von der Flucht in Qualität als von der Inflations- und Zinserhöhungssorge angetrieben. Zu den Anlageklassen, die sich seit Beginn der Invasion am besten entwickelt haben, zählen inflationsgebundene Euro-Anleihen, Staatsanleihen mit langer Laufzeit, US-Aktien mit mittlerer Marktkapitalisierung, der Nikkei und Value-Aktien im Allgemeinen. Am schlechtesten schnitten europäische Aktien, asiatische Anleihen und festverzinsliche Wertpapiere aus Schwellenländern ab (auch wenn Russland und die Ukraine zusammengenommen nur einen kleinen Teil der Indizes ausmachten). Vom Zeitpunkt der Invasion bis zum Börsenschluss am 3. März betrug beispielsweise der Unterschied zwischen der Performance asiatischer Hochzinsanleihen und der Performance europäischer inflationsgebundener Anleihen 6,5 Prozent.

Stärker differenzieren

Die Liquidität ist aktuell gering, was die Unsicherheit und die Auswirkungen der Sanktionen auf das globale Finanzsystem widerspiegelt. Im Hinblick auf Aktien haben die USA besser abgeschnitten als Europa, wobei der Energiesektor am stärksten und der Finanzsektor am schlechtesten performt hat. Diese Divergenz erklärt sich durch die überdurchschnittlich hohen Energiepreise und das Potenzial für Wertminderungen von Vermögenswerten, sowie Zahlungsausfälle und erhöhte Rückstellungen bei einigen Banken. Wenn die Entspannung kommt, wird sich diese Paarung wahrscheinlich umkehren, zumal die Zentralbanken bei der Aufhebung der geldpolitischen Lockerung vorsichtiger vorgehen müssen und die meisten Banken nur ein begrenztes Engagement in Russland haben.

Gewinner und Verlierer

Aber jetzt ist nicht die Zeit, in der man Entspannung erwarten sollte. Im Gegenteil: Die Lage kann sich noch verschlechtern, und das könnte zu einer weiteren Abwärtsbewegung bei Aktien, dem Euro und der Kredit-Performance führen. US-Treasuries und der US-Dollar haben bisher von der globalen Unsicherheit profitiert. Die geopolitische Nervosität wird diese Assets weiterhin stützen, trotz der offensichtlichen politischen Unsicherheit hinsichtlich der Inflation, die in den Worten des Federal-Reserve-Vorsitzenden Powell bei seinen Auftritten im Kongress in der vergangenen Woche zum Ausdruck kam. Der Westen, angeführt von den USA, hat den Kalten Krieg gewonnen, und das Kapital setzt darauf, dass diese Hegemonie auf Dauer anhalten wird.

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